Antwort zur Verleihung des E.T.A.-Hoffmann-Kreisler-Preises am 29.10.08

Von Prof. Gerd Heinz

Lieber Herr Lange, liebe Stiftungsräte, lieber Jürgen, lieber Aziz, werte Freunde, verehrtes Publikum,

es ist schon mehr als berührend und überraschend, so relativ kurz nach meiner furiosen Verabschiedung durch die Hochschule jetzt hier als frisch Gepriesener zu stehen.
Ich danke Ihnen, Herr Lange, nicht nur für die Ehre, diesen neu gestifteten Preis sozusagen als Pilotfigur einweihen zu dürfen, sondern ich möchte Ihnen ganz besonders dafür danken, dass Sie als verdienstvoller Gründer der renommierten Kant-Stiftung noch eine weitere Stiftung ins Leben gerufen haben, die E.T.A.-Hoffmann-Stiftung, und diese auch noch mit einem Preis versehen. Das ist in Zeiten aktueller Finanzkrisen mit allgemeinem Rückzug der Geldgeber aus allen kulturellen Belangen fast ein Wunder und kann nicht hoch genug gerühmt werden. Dafür und für Ihren einfühlsamen und erschöpfenden Vortrag innigen Dank.
Dir, lieber Jürgen, Dank für eine wunderbare Laudatio, die mich ja geradezu verwirrt hat. Als naiver Generalist von einem der kompetentesten Komparatisten der heutigen Wissenschaft, wie du es bist, so bekränzt zu werden, ist schon eine lebenskrönende Angelegenheit.
Und dir, Aziz, nebst den hochgeschätzten Studenten selbstverständlich, Dank für die schöne musikalische Umrahmung dieser Feier. Da sind ja einige meiner Lieblingsstücke sozusagen als Referenz aufgeboten.
Es ist ein schöner Brauch in unserem Lande, dass ein Gepriesener in seiner Dankesrede versucht, seine Beziehung zum Namensgeber des Preises herzustellen und zu beleuchten.
E.T.A. Hoffmann also. Nicht unbedingt die Leitfigur meines Lebens, auch nicht der Lichtbringer meiner schlaflosen Nächte, das muss gesagt werden, aber doch eine hochgeschätzte und verehrungswürdige Künstlerpersönlichkeit meines Musenhimmels.
Da gibt es zunächst eine klare Affinität zum multimedialen Aspekt seines Werkes, der Dichter, der Zeichner, der Komponist - auch ich bin ja ein bescheidener Mehrspartenhüpfer, für den die permanente Beschäftigung mit Literatur, Bildender Kunst, Musik und Dastellender Kunst eine Lebensnotwendigkeit ist - allein diese enorme Trinität hat immer schon meine höchste Bewunderung erregt. Dazu kommt, was nicht so viele wissen, dass er ein vorzüglicher Jurist war, der im Berlin der 1820er Jahre in den revisionistischen Prozessen des Vormärz eine mutige, liberale, quer zum Regierungsauftrag stehende Meinung vertrat und in einigen Fällen beharrlich durchsetzte. Das als Ergänzung zum bacchantischen Weintrinker bei Lutter und Wegener. Er hat natürlich wie viele Mehrspartenkünstler die bittere Erfahrung gemacht, dass er nicht ernst genommen wurde, aber die Lehre, die er daraus gezogen hat, nämlich die, die glauben, über Ernst oder Unernst entscheiden zu können, ebenfalls nicht ernst zu nehmen, ist auch heute eine höchst erfrischende und beherzigenswerte Lehre gegenüber pomadigem Kunstrichtertum.
Meine hohe Verehrung gilt der Balance zwischen Phantasie und Realität, dem Aushalten von Dämonie und Bürgerlichkeit, denken wir an den "Goldenen Topf" und den Studenten Anselmus, und die Überwindung dieser lebensbedrohlichen Polarität durch Witz und Humor. Es ist ein Weg in das große Lachen, wie Heine es einmal nannte, der über die Erzählung "Prinzessin Brambilla" sagte: "Wer darüber nicht den Kopf verliert, der hat keinen zu verlieren."
Schopenhauer schreibt einmal, es sei eines der erstrebenswertesten Ziele des Menschen, von der lächerlichen Person zu einer lachenden Person zu werden. Das ist E.T.A. Hoffmann glänzend gelungen.
Dazu der brillante Musikschriftsteller, der in "Ritter Gluck" und "Don Juan" nicht nur ganze Musikprgramme des 19. Jahrhunderts vorweg nimmt, sondern aufregendste Musikpsychologie betreibt, und, wie gesagt, der leidenschaftliche Weinfex, das alles sind verehrungs- und bewunderungswürdige Bezugspunkte meines Lebens zu dieser großen Künstlerperson.

Vielleicht darf ich doch noch kurz auf die Begründung des Preises eingehen, da steht in der Urkunde, dass mir der Preis für die künstlerische und pädagogische Initiierung und Durchführung von Gesamtkunstwerken verliehen wird. Dass unser Theaterhandwerk, vor allen Dingen das der Oper, immer eine Arbeit am Gesamtkunstwerk ist, ist klar. Insofern ist die Durchführung voll und ganz zu akzeptieren. Aber die pädagogische Initiierung von Gesamtkunstwerken stellt sich für mich problematischer dar. Kann man das überhaupt? Ist das lernbar, vermittelbar? Ich versuche, es schlichter zu formulieren: ich habe mich bemüht, vor allen Dingen in meiner Arbeit am Institut für Musiktheater, die Aspekte der Mehrspartigkeit aufzuzeigen und darauf zu dringen, dass übergreifende Interessen nicht nur eine Bereicherung darstellen, sondern eine schlichte Notwendigkeit sind. Wir leben in einer Zeit fataler Einseitigkeiten, und der SängerDarsteller, ist einer der wenigen Berufe, der mit mehreren Aspekten des Lebens zu tun hat und diese intensiv kennen lernen muss, um zu einer wirklichen Kunstreife zu kommen. Da ist natürlich E.T.A. Hoffmann ein lustvolles Lernsbeispiel von hohen Graden.
Des weiteren steht in der Urkunde, dass meine Arbeit "in den Zusammenhang eines fort zu schreibenden europäischen Erbes" zu setzen sei.
Das bezieht sich natürlich auf Ihre Kant-Stiftung, verehrter Herr Lange, deren verdienstvolles Renommée, mit einem europäischen Preis besternt, eine feste Institution unserer universitären Kultur geworden ist. (Da Stifterfiguren, meine sehr verehrten Damen und Herren, auf normalen Flügelaltären immer sehr klein dargestellt sind, dürfen wir sie heute einmal überlebensgroß zeichnen.)
Über die Verbindung bzw. Nichtverbindung von E.T.A. Hoffmann zu Kant ist leider wenig geschrieben worden. Hoffmann hat ebenfalls in Königsberg gelebt und studiert, hätte bei Kant hören können, hat das aber offensichtlich nicht getan, und Zeit seines Lebens finden sich keine Verweise, weder im Werk noch in Briefen, auf den großen Philosophen. Bis er dann eben am Ende seines Lebens in den erwähnten Prozessen, bis zur Existenzfrage drangsaliert, zu einem kategorischen Imperativ aufläuft, der nicht anders als angewandter Kant zu bezeichnen ist, und dessen Mut zu individueller Verantwortung mancher heutigen gleichgeschalteten political correctness-Justiz zur Ehre gereichen würde.
Und hier, in der Aufklärung, in der Überwindung des Eurozentrismus sehe ich die wirkliche Verpflichtung der Fortschreibung eines europäischen Erbes. Wir haben uns schwer versündigt an vielen anderen Völkern, aber was sich in der Linie von Kant zu Levinas, einem meiner großen Vorbilder, in der Hinwendung zum Du herauskristllisiert: dass der Andere nicht nur eine natürliche Toleranz verdient, sondern konstitutiv ist für meine Selbsterkenntnis, das ist Verankerung und Verpflichtung meines Lebens geworden.
Der Dialog. Der Dialog nicht nur als künstlerisches Mittel, sondern als ethische Notwenigkeit.

Lassen Sie mich enden mit einer Briefstelle des Punsch schwenkenden Lebenskünstlers E.T.A. Hoffmann: "Ihr sollt niemals aufhören zu leben, ehe ihr gestorben seid; welches manchem passiert und ein höchst ägerliches Ding ist." Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

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